Der Weg des Bogens
Kyudo - Faszination der Langsamkeit

von Thorsten Waterkamp

„Du sollst stehen wie ein Berg. Aber deine Bewegung soll fließen wie ein breiter Fluss.“
(japanische Kyudo-Weisheit)
Langsam bewegen sich die Schützen durch die Halle. So langsam, als flösse jede Bewegung wie in einem trägen Strom heißer Lava. Sie verneigen sich, knien nieder, stehen auf, immer die schlanke, bis zu 2,40 Meter lange Silhouette des Bambusbogens in der linken Hand. Kyudo, der Weg (Do) des Bogens (Kyu) - die ersten Schritte des Weges.

Kyudo, das ist Sport? Ja und nein. Zwar werden nationale und internationale Meister in der traditionellen Form des japanischen Bogenschießens ermittelt, doch für die Kyudoka - rund 800 Schützen gibt es zurzeit in Deutschland - bedeutet das Ritual mehr als nur der Erfolg des Treffens. 28 Meter entfernt steht der Mato, die Zielscheibe. 28 Meter, die historisch überlieferte Kampfdistanz der Samurai der vergangenen Jahrhunderte. Ein Durchmesser von 36 Zentimeter, eine Handbreit über dem Boden. Dort, wo der Gegner kniete.

Langsam beschreiten die Schützen den weiteren Weg. Sie entblößen ihre linke Schulter, erheben sich, balancieren ihre Position aus, bereiten Pfeil und Bogen vor. Akte mehrerer Sekunden, fließende Bewegungen als großes Ganzes. Acht Phasen insgesamt, jede hat ihre eigene Bedeutung, doch wie die Speichen eines Rades sind sie allein für sich wertlos.

Sicher, im Krieg wäre diese Faszination der Langsamkeit tödlich gewesen. Dementsprechend, maschinenartig in den Automatismen der Bewegung, setzten die Samurai ihre Pfeile. Die Phasen des Weges aber waren die gleichen. Als mit dem Aufkommen von Feuerwaffen das Kyu-jutsu als Kriegstechnik nach und nach seine Bedeutung verlor, traten die geistigen Aspekte in den Vordergrund. Kyu-do, der Weg zur Selbsterfahrung, Spiegel der Seele, mit Zen-buddhistischen Einflüssen.

Langsam heben die Schützen den asymmetrischen Bogen, der sie weit überragt. Hoch konzentriert, scheinbar unempfindsam für Geräusche und Momentaufnahmen der Umwelt, existiert für die Kyudoka...ja, was eigentlich? Der Weg? Der Bogen, die Sehne sacht gezogen, senkt sich. Der Pfeil bleibt in Richtung Zielscheibe gerichtet. Mit dem Fluss der Bewegungen erhöht sich die Spannung im Bogen, bis der Pfeil in Höhe der Nase an der rechten Wange zum Stillstand kommt. Warten.

Im Zen-Buddhismus, der in Deutschland erst im 20. Jahrhundert populär wurde, heißt es: Der Weg ist das Ziel. Mit dem Zen-Buddhismus kam das Kyudo. Verantwortlich dafür war vor allem der Philosophieprofessor Eugen Herrigel, der sich in Japan im traditionellen Bogenschießen unterweisen ließ und vor gut 50 Jahren mit seinem Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ dem Kyudo den Weg bereitete. Als 1969 der japanische Professor Genshiro Inagaki in Hamburg erste Übungen mit deutschen Schützen unternahm, bildeten sich feste Wurzeln. Langsam, aber konstant - dem Charakter der Philosophie entsprechend. Seit 1997 gibt es auch in Detmold beim Polizei-Sportverein Kyudo, der seit Februar 2000 Kurse anbietet.

Warten. Die Hand an der Sehne, von einem ledernen Handschuh bedeckt, zittert leicht unter der Spannung von bis zu 20 Kilopond. Stille. Ein Zischen, als der Pfeil den Bogen verlässt. Sekundenbruchteile später ein dumpfer Schlag. Der Pfeil hat seinen Weg gefunden, begleitet vom Blick des Kyudoka. Der Schütze verharrt einen Moment in seiner Stellung, ehe er sich abwendet. Langsam.

 

Die Historie

ca. 700 v. Chr.
Erste Hinweise auf Bogenschießen in Japan: Malereien illustrieren einen Text über das „Zeremoniell des kaiserlichen Zuschauens beim öffentlichen Bogenschießen“. Später wird der Bogen in zeitgenössischen Darstellungen zum Machtsymbol. 



4.-12. Jhdt.
Neben der Kriegstechnik der Samurai (Kyujitsu) gewinnt das zeremonielle Schießen (Kyudo) an Bedeutung. Die Samurai ihrerseits etablieren sich als einflussreiche Kriegerklasse.


12.-16. Jhdt.
Strenge Ausbildung am Kriegsbogen nach der Gründung der Ogasawara Ryu (Schule) - ein Impuls für den langen Weg bis in die Moderne. Ausgangs des 16. Jahrhunderts nimmt die Bedeutung des militärischen Bogenschießens nach der Einführung des Schwarzpulvers langsam ab. 


17.-20. Jhdt.
Nach dem Abflauen innerjapanischer Kriege wird die Kampftechnik mehr und mehr vom zeremoniellen Schießen mit zum Teil spirituellen Einflüssen abgelöst.


ab 1969
Professor Genshiro Inagaki veranstaltet in Hamburg eine Kyudo-Einführung. Die Schüler schicken in den Folgemonaten Fotos nach Japan, um ihre Fehler durch Inagaki korrigieren zu lassen. Der Sensei (Meister), Träger des 9. Dan, wird später Bundestrainer und verstirbt 84-jährig 1995. Heute gibt es rund 800 aktive Kyudoka in Deutschland.
zurück Fortsetzung Kyudo